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„Die Ängste nehmen und die Diskussion versachlichen“ war das zentrale Anliegen des Vortrags von Prof. Dr. Naul, der seit Jahren auf dem Gebiet der schulischen Ganztagesbetreuung forscht und berät. Als ausgewiesener Experte arbeitete er die bestehenden Vorurteile wissenschaftlich auf, relativierte sie und zeigte Lösungsmöglichkeiten auf.
Mit der Präsentation von Praxisbeispielen – die aktuelle Konzeption der Schillerschule in Esslingen-Berkheim (Schulleiterin Gloria Jeute) sowie der Ideen des Sportkreises zur Umsetzung der schulischen Ganztagesbetreuung in Stuttgart (Domink Hermet) – wurde deutlich, dass für die Zukunft keine standardisierten Fertiglösungen, sondern individuelle, auf die Vor-Ort-Situation abgestimmte Konzeptionen notwendig sind.
Mehr Chancen als Risiken
Weniger Kinder im Sportverein?
Prof. Roland Naul hob hervor, dass es sich bei der offenen Ganztagesschule (das derzeit in Baden-Württemberg bevorzugte Modell) um eine Angebotsschule handelt, deren Angebote nicht verpflichtend zu besuchen sind. Von den teilnehmenden Kindern sind laut der aktuellen Studie in NRW 70% der Mädchen und 50% der Jungen nicht Mitglied in einem Verein und kommen vermehrt aus bildungsfernen Elternhäusern, die weniger sportlich aktiv sind. Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die offene Ganztagesschule eine Chance für Turn- und Sportvereine ist, über ein Sport- und Bewegungsangebot in der schulischen Ganztagesbetreuung neue Kinder als Mitglieder für den Verein zu gewinnen.
Abwerbung und Verlust von Fachpersonal für Sportvereine?
Nach 2 Jahren Erfahrung in der Organisation der Bewegungsangebote im schulischen Ganztag in Nordrhein-Westfalen zeichnet sich der deutliche Trend ab, dass die Befürchtung der Abwerbung von Fachpersonal des Vereins eher unbegründet ist. Allein 60% der Angebote liegen auch nach der Einführung der offenen Ganztagesschule in der Verantwortung der Turn- und Sportvereine, während nur 30% der Angebote sonstige Anbieter machen. Schaut man sich jedoch die Gruppe der sonstigen Anbieter etwas genauer an, so lässt sich feststellen, dass davon über 30% Vereinsübungsleiter privat organisiert sind, bzw. rund 21% Lehrkräfte der Schule die Angebote garantieren. Lediglich 3% der Sportangebote durch Sonstige werden von nichtgemeinwohl-orientierter Anbietern durchgeführt. Geht es ausdrücklich um Wettkampfssport wird die Hoheit der Vereine äußerst selten in Frage gestellt.
„Die Konsequenz der Turn- und Sportvereine muss daraus nicht lauten, einen staatlichen Schutz vor Abwerbung zu erwirken, sondern im Sinne des konstruktiven Wettbewerbs eigene Angebote zu profilieren und zu verbessern“, so Prof Roland Naul.
Sportferne Drittanbieter ohne fachliche Anbindung an den Schul- und Vereinssport?
Seit Jahren gibt es Drittanbieter aus der Kinder- und Jugendhilfe mit nachweisbaren Erfolgen in der Erlebnis-, Heil- und Sozialpädagogik. Diese Maßnahmen sind wichtige Bausteine in der Angebotspalette von Schulen und berühren den Vereinssport nur wenig. Eine fachliche Anbindung solcher Maßnahmen an den Vereinssport ist insofern nicht erforderlich, geht es doch vor allem um Kinder mit ausgesprochenem Förderbedarf. Über eine klare Positionierung müssen Turn- und Sportvereine die Möglichkeit nutzen, den örtlichen Partner zu signalisieren, dass sie die Experten für die Bewegungsförderung für Kinder und Jugendliche sind und als „Premium-Partner“ zur Verfügung stehen.
Weniger Belegzeiten in den Sporthallen für Vereine?
Rein rechtlich ist der Schulträger verpflichtet, Sportstättenkapazitäten für den Schulsport freihalten. Zeigen sich Probleme bei der Nutzung von Sporthallen durch die Turn- und Sportvereine, setzen die Partner in Nordrhein-Westfalen ausschließlich auf die Partnerschaft Ganztagsschule/Sportverein. Ist der Sportverein Partner der „offenen Ganztagesschule“ kann er auch von diesen Zeiten Gebrauch machen.
Fazit
Betrachtet man sich die Ergebnisse einer Befragung der Vereinsvertreter/innen im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der offenen Ganztagesschule in NRW, so haben die dortigen Turn- und Sportvereine mehr Nutzen als Nachteile erfahren. Das Erschließen finanzieller Ressourcen für den Verein, die Verbesserung der Sportstättensituation und Ausstattung, sowie die bessere Nutzung der Schulressourcen waren dabei die am häufigsten genannten Effekte.
Die mehrjährigen Erfahrungen in Nordrhein-Westfalen machen Mut, über ein engagiertes und systematisches Agieren der Turn- und Sportvereine die notwendige Voraussetzung für eine erfolgreiche Integration in der schulischen Ganztagesbetreuung auch in Baden-Württemberg zu erreichen. Erfolgreiche Lösungen (z.B. Praßbergschule Wangen, KISPO Birkach) wurden schon im Vereinsforum 2004 präsentiert.
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